Kachetien liegt im Nordosten Georgiens und ist das größte Weinanbaugebiet des Landes. Wir sind im Alazani-Tal unterwegs, das zwischen dem Großen Kaukasus und einer kleineren Bergkette im Süden liegt. Jetzt im Herbst dreht sich hier alles um den Wein. Wein ist nicht nur ein wichtiger Wirtschaftszweig, sondern vor allem ein fester Bestandteil der georgischen Alltags- und Familienkultur. In Kachetien gibt es neben großen industriellen Betrieben mehr als 400 kleine Familienweingüter. Besonders diese kleinen Betriebe haben wir uns für unsere Weinreise ausgesucht. Nach einem Besuch der Burg von Gremi geht es zum ersten Weingut „Ikano Estate“. Dort ist man gerade mitten in der Weinernte. Es handelt sich um einen mittelgroßen Betrieb, der – wie viele andere Weingüter hier – sowohl moderne Edelstahlfässer als auch die traditionelle Methode mit Qvevris nutzt. Eine Qvevri ist ein großes, eiförmiges Tongefäß, das im Boden eingegraben wird. Darin können Trauben vergoren, gelagert und gereift werden. Beim traditionellen kachetischen Verfahren kommen die Trauben mitsamt Schalen, Kernen und teilweise auch den Stielen in die Qvevri. Nach der Gärung sinken die festen Bestandteile nach unten, während der Wein anschließend noch längere Zeit auf der Maische bleibt. Das Ergebnis unterscheidet sich deutlich von vielen europäischen Weinen. Weißwein aus der Qvevri ist beispielsweise häufig viel dunkler – von goldgelb bis bernsteinfarben – und deutlich kräftiger und aromatischer. Auf der schönen Terrasse können wir nach der Führung einige Weine in aller Ruhe genießen.
Am nächsten Tag geht es hoch zur Burg Nekresi. Sie liegt spektakulär auf einem bewaldeten Bergrücken oberhalb des Alazani-Tals und gehört zu den frühesten christlichen Zentren Georgiens. Ein alter T2/Vario-Bus bringt uns die letzten 1,5km den steilen Berg hinauf. Am Nachmittag fahren wir weiter zu einem kleinen Weingut. Leider ist die Zufahrt so eng, dass wir mit unserem Kermit nach mehreren Versuchen aufgeben müssen. Spontan finde ich einen Ersatz: Im Weingut „Jobava“ werden wir herzlich willkommen geheißen. Nach einer Führung durch die Produktion und einer schönen Weinprobe dürfen wir dort auch noch zu Abend essen und auf dem Grundstück übernachten. Dabei lernen wir einige der ganz besonderen einheimischen Rebsorten kennen: Saperavi, einen kräftigen, dunklen Rotwein; Rkatsiteli, eine klassische weiße Sorte, oft kräftig und aromatisch; Kakhuri Mtsvane, eine „grüne“ Rebsorte, meist frischer und aromatischer; und Kisi, eine interessante und etwas seltenere weiße Sorte. Die Gastfreundschaft ist äußerst herzlich – wir werden behandelt wie die Könige.
Nach einem Tag Pause, den wir am Rand eines fast ausgetrockneten Flussbettes verbringen, geht es weiter zur nächsten und wohl größten Weinkellerei unserer Reise: zur „Kvareli Wine Cave“. Hier werden in einem mehr als sieben Kilometer langen Tunnelsystem über eine Million Flaschen gelagert. Vor der Kellerei stauen sich die Lieferanten der Trauben in einer fast kilometerlangen Schlange. Ein Reisebus nach dem anderen bringt am Eingang seine Gäste – meist aus Asien – vorbei. Auch wir nehmen an einer kleinen Führung teil. Anschließend geht es aber wieder zu dem, was uns eigentlich besonders interessiert: in eine der für Kachetien typischen Maranis, die kleinen, meist familiengeführten Weinkeller. In der „MIDAMO Wine Village“ bekommen wir eine tolle Führung und können die anschließende Weinprobe gleich mit einem Essen verbinden. Wir werden großzügig verköstigt und dürfen ganz unterschiedliche Weine probieren. Schaut euch einmal die tollen Farben in den verschiedenen Gläsern genau an! Die Gastfreundschaft ist kaum zu toppen. Gemeinsam genießen wir den Abend mit Nadine und Patrick aus der Schweiz, die – wie wir – mit einem T2/Vario unterwegs sind.
Da dieser Besuch kaum noch zu toppen ist, legen wir jetzt eine Pause ein und machen uns anschließend auf den Weg zum Lagodechi-Nationalpark, der ganz im Nordosten Georgiens am Fuß des Großen Kaukasus liegt. Bei einer Wanderung zu einem Wasserfall kommen wir der Grenze zu Aserbaidschan bis auf etwa fünf Kilometer und der russischen Grenze bis auf etwa zehn Kilometer nahe. Die Bewegung tut uns gut. Leider schlägt das Wetter um. Es regnet nicht nur die ganze Nacht, sondern auch den folgenden Tag. Den verbringen wir deshalb mit einem Besuch von Sighnaghi, einem hübschen Ort am Berghang. Bei der Fahrt durch den Ort wird es immer enger, bis wir schließlich vor dem Stadttor stehen. Umdrehen ist fast nicht mehr möglich. Also manövriere ich Kermit langsamer als im Schritttempo, mit Untersetzung, durch die steile Kurve durch das enge Stadttor. Wir schaffen es tatsächlich ohne einen Kratzer und finden anschließend erleichtert einen Stellplatz vor dem Kloster Bodbe.
Am nächsten Tag besichtigen wir diesen wichtigen Wallfahrtsort. Das Kloster besteht bereits seit dem 4. Jahrhundert. Hier befindet sich das Grab der heiligen Nino, die maßgeblich zur Christianisierung Georgiens beigetragen hat. Am Grab einer solch bedeutenden Persönlichkeit zu stehen, ist schon etwas ganz Besonderes. Da es weiterhin ununterbrochen regnet, entscheiden wir uns, noch ein weiteres Familienweingut zu besuchen: die „Ibero Winery“. Auch hier werden wir herzlich empfangen und können gleich zwei Nächte auf dem Stellplatz des Weinguts verbringen – mit einer wunderbaren Aussicht, Dusche, Waschmaschine und natürlich Weinprobe und Essen.
Nach so viel Wein machen wir uns nun langsam auf den Weg Richtung türkische Grenze. Dafür haben wir allerdings noch mehr als eine Woche Zeit. Unsere Route wird uns südlich von Tiflis in den Kleinen Kaukasus führen. Davon dann mehr im nächsten Beitrag.






