Vom Weinland Kachetien geht es für uns nun in südwestlicher Richtung weiter zur Hauptstadt Tiflis. Wir überqueren ein Gebirge, das uns mit seinen bewaldeten Hügeln an den Schwarzwald erinnert, bis wir schließlich das weite Tal unterhalb von Tiflis erreichen. Unseren ersten Stellplatz finden wir auf einer Anhöhe am Kumisi-Reservoir. Die Anfahrt über rund 9 Kilometer Piste ist zwar etwas mühsam, aber der grandiose Ausblick über den See entschädigt uns dafür mehr als genug.
Unser nächstes Ziel ist das ehemalige deutsche Dorf Elisabeththal, das heute Assureti heißt. Noch immer erinnern einige Straßennamen an die deutsche Vergangenheit. Im Restaurant „Café Elisabeth“ genießen wir zunächst ein leckeres Mittagessen. Anschließend schlendern wir durch das Dorf und tauchen dabei in seine bewegte Geschichte ein. 1817/18 verließen mehrere hundert deutsche Familien, überwiegend aus Württemberg, ihre Heimat. Wirtschaftliche Not, Missernten und religiöse Spannungen spielten dabei eine Rolle. Das Russische Reich unter Zar Alexander I. warb gezielt um deutsche Siedler, denn man erhoffte sich von ihnen landwirtschaftliches Wissen und wirtschaftliche Entwicklung. Ab 1817 entstanden rund um Tiflis mehrere deutsche Kolonien. Etwa 70 bis 72 deutsche Familien gründeten schließlich Elisabethtal auf dem Gelände des damals verlassenen georgischen Dorfes Samachveti. Doch die deutsche Geschichte des Ortes nahm im Oktober 1941 ein jähes Ende. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ließen die sowjetischen Behörden die meisten deutschstämmigen Bewohner Georgiens nach Zentralasien deportieren, vor allem nach Kasachstan und Sibirien. Innerhalb weniger Tage verschwand damit die deutsche Bevölkerung, die hier mehr als 120 Jahre gelebt hatte. Geblieben sind einige Spuren dieser Vergangenheit: Straßennamen, Restaurants und die Deutsche Lutherische Kirche.
Weiter geht es durch den Kleinen Kaukasus, den südlichen Teil Georgiens, der an Armenien und die Türkei grenzt. Zunächst sind wir noch auf etwa 1.000 Metern unterwegs, doch die Straßen führen uns stetig höher. Immer wieder durchqueren wir weitläufige Hochplateaus. Die Gegend ist deutlich weniger touristisch geprägt als andere Regionen Georgiens. Wir passieren zahlreiche kleine Dörfer mit einfachen, teilweise recht ärmlichen Häusern. Auch kulturell spüren wir zunehmend den armenischen Einfluss. Unsere Route führt uns auf über 2.200 Meter hinauf. Entsprechend frisch sind die Temperaturen hier oben. Unsere Nächte verbringen wir am liebsten direkt an einem Seeufer. Bei den häufigen Regenfällen ist allerdings Vorsicht geboten, damit wir uns mit unserem schweren Wohnmobil nicht auf aufgeweichten Wegen festfahren. Unser höchster Stellplatz liegt schließlich auf etwa 2.100 Metern direkt am Paravani-See – mit einem traumhaften Panorama. Eine Ausnahme in dieser ansonsten eher ruhigen Region ist das Dashbashi-Tal mit der touristisch stark vermarkteten „Diamond Bridge“. Die moderne Hängebrücke zählt zu den spektakulärsten Attraktionen Georgiens. Sie überspannt den rund 280 Meter tiefen Canyon auf einer Länge von etwa 240 Metern. Die Konstruktion aus Glas und Stahl besitzt in der Mitte eine diamantförmige Aussichtsplattform. Das ist allerdings nicht ganz unser Ding. Wir möchten lieber den Wanderweg durch die Schlucht zu den Wasserfällen nehmen. Doch auch dafür wird ein ziemlich happiger Eintritt verlangt. So verzichten wir auf das Abenteuer und entscheiden uns stattdessen für einen gemütlichen Spaziergang zur schönen St.-Georgs-Kirche.
Weiter geht es hinauf in die Berge. Wir erreichen den Paravani-See auf etwa 2.100 Metern Höhe. Die Umgebung ist deutlich vom armenischen Einfluss geprägt: kleine Ortschaften, einfache Häuser und zahlreiche Felder, auf denen die Menschen einen großen Teil ihrer Lebensmittel selbst anbauen. In der Nacht sinkt die Temperatur auf gerade einmal 2 °C. Damit ist die Wintersaison in unserem Wohnmobil offiziell eröffnet! Unser Holzofen wird angeheizt, brennt wunderbar und verbreitet eine herrliche Wärme. So lässt es sich auch bei eisigen Temperaturen gemütlich aushalten. Am nächsten Tag besuchen wir in Ninozminda das Mahnmal zum armenischen Genozid. Es erinnert an das unermessliche Leid, das den Armeniern während des Ersten Weltkriegs widerfuhr. Hunderttausende Menschen wurden aus ihrer Heimat deportiert und auf langen, häufig in Richtung der Wüstengebiete des heutigen Syriens führenden Märschen in den Tod getrieben. Die Deportationen und systematischen Massaker waren Teil des Versuchs, die armenische Bevölkerung als Gemeinschaft weitgehend auszulöschen. Das Denkmal wird kaum besucht. Wir sind ganz allein hier. Überhaupt ist diese Gegend touristisch nur wenig erschlossen. Gerade das macht ihren besonderen Reiz aus: Wir erleben ein Georgien, das abseits der bekannten Reiserouten liegt und in dem der Alltag der Menschen noch weitgehend ungestört seinen Gang geht. Unseren nächsten Stellplatz finden wir wieder an einem Fluss. Am Abend zieht ein heftiges Gewitter über uns hinweg, und der Regen prasselt laut auf unser Wohnmobildach. Bei diesem Wetter sind wir froh, es uns drinnen gemütlich machen zu können.
Nun geht es wieder hinunter ins Tal. Unser nächstes Ziel ist die Festung Khertvisi, eine alte, erstaunlich gut erhaltene Anlage auf einem Felsvorsprung am Zusammenfluss der Flüsse Kura und Paravani in der Region Samzche-Dschawachetien. Von hier aus ließ sich einst ein wichtiger Verkehrsweg durch die Täler Südgeorgiens kontrollieren. Die strategisch günstige Lage macht sofort verständlich, weshalb dieser Ort über Jahrhunderte von Bedeutung war. Das Wetter hat sich inzwischen wieder gebessert, und wir können die beeindruckende Umgebung bei strahlendem Sonnenschein genießen. Zur Mittagszeit gibt es gebratene Forellen, die in der Gegend gezüchtet werden. Frischer Fisch, Sonnenschein und eine herrliche Landschaft – so lässt es sich reisen!
Das letzte große Highlight dieser Etappe ist die Felsenstadt Wardsia. Direkt gegenüber finden wir einen Stellplatz mit einem fantastischen Blick auf die ehemalige Höhlenstadt. Schon von hier aus ist die gewaltige Anlage in der steilen Felswand beeindruckend. Im 12. Jahrhundert wurden hier ganze Wohnbereiche, Kirchen, Weinkeller, Vorratsräume und Verbindungsgänge in den Fels hineingearbeitet. Wardsia ist weit mehr als ein Kloster: Die Anlage war einst ein bedeutendes religiöses Zentrum und bot zugleich Schutz in einer strategisch wichtigen Grenzregion. Über mehrere Ebenen erstrecken sich die Höhlen und Räume entlang der Felswand. Von den ursprünglich zahlreichen Kammern sind heute noch rund 240 erhalten. Wir finden es immer wieder faszinierend, in solche längst vergangenen Welten einzutauchen. Man kann sich kaum vorstellen, wie die Menschen hier einst gelebt, gearbeitet und gebetet haben. Beim Erkunden der alten Gänge und Räume wird Geschichte plötzlich ganz lebendig.
Nun wartet die Rückreise durch die Türkei auf uns. Wir wollen einen kleinen Grenzübergang in den Bergen nehmen und anschließend durch Südostanatolien fahren. Dabei folgen wir weitgehend den Grenzregionen zu Iran, Irak und Syrien, bevor wir schließlich das Mittelmeer erreichen. Wir sind gespannt, was uns auf dieser Route erwartet, und freuen uns auf viele neue Eindrücke, Begegnungen und Entdeckungen.
Freut euch auf den nächsten Beitrag!






