Manche Orte überraschen uns. Andere verzaubern uns. Buchara in Usbekistan gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Eigentlich hatten wir geplant, die historische Stadt mit unserem Kermit zu erkunden. Doch Anfang Juni zeigte sich die zentralasiatische Sonne von ihrer besonders intensiven Seite. Da Temperaturen um die 40 Grad vorausgesagt waren, entschieden wir uns für einen kleinen Luxus: Wir zogen für vier Tage in das gemütliche Hotel „Naqsh-band“ mitten in der Altstadt. Das Zimmer war klein, sauber und ruhig, auf der Dachterrasse konnten wir mit Blick auf die Altstadt frühstücken und nachmittags im Schatten einen Cappuccino genießen.
Schon beim ersten Spaziergang durch die engen Gassen fühlten wir uns wie in eine andere Zeit versetzt. Lehmfarbene Mauern, kunstvoll verzierte Holztüren, kleine Innenhöfe und immer wieder die türkisblauen Kuppeln der Moscheen und Medresen – Buchara wirkt wie eine Kulisse aus einem Märchenbuch. Oder besser gesagt: wie die Stadt, in der die Geschichten aus „1001 Nacht“ entstanden sein könnten. Besonders schön war, dass wir die Stadt nicht in Eile erkunden mussten. Tagsüber zogen wir uns während der größten Hitze oft in unser klimatisiertes Hotel zurück. Erst am späten Nachmittag und Abend erwachte Buchara für uns richtig zum Leben. Jeden Abend stand eine andere Sehenswürdigkeit auf unserem Programm. Oft schlenderten wir zum berühmten Poi-Kalon-Komplex mit seinem mächtigen Minarett, das bereits im 12. Jahrhundert errichtet wurde. Als die Sonne langsam unterging und die letzten Strahlen die hellen Ziegelsteine in goldenes Licht tauchten, entstand eine fast magische Atmosphäre. Das Kalon-Minarett überragt die Altstadt noch heute und diente einst den Karawanen der Seidenstraße als Orientierungspunkt.
An einem Vormittag besuchten wir die Ark-Zitadelle, die über Jahrhunderte die Residenz der Emire von Buchara war. Von außen wirkt die gewaltige Festung beinahe uneinnehmbar. Wenn man davor steht, kann man sich gut vorstellen, welche Bedeutung dieser Ort einst für die Herrscher Zentralasiens hatte. Hier sind viele klimatisierte Museen untergebracht, so verbrachten wir recht viel Zeit mit der Erkundung.
Auch die zahlreichen Medresen beeindruckten uns sehr. Viele der ehemaligen Koranschulen sind heute restauriert und beherbergen kleine Werkstätten oder Souvenirläden. Überall begegnet man Handwerkern, die traditionelle Stickereien, Keramiken oder Holzarbeiten herstellen. Dabei spürt man, dass Buchara nicht nur ein Freilichtmuseum ist, sondern wirklich eine lebendige Stadt mit einer jahrtausendealten Kultur.
An einem anderen Abend, dem 9. Juni, zog es uns zum Labi-Hauz, dem wohl gemütlichsten Platz der Stadt. Rund um den historischen Wasserteich sitzen Einheimische und Besucher unter alten Maulbeerbäumen in den Restaurants und Teehäusern. Für uns hatte dieser Aufenthalt nämlich noch eine ganz besondere Bedeutung: Während unserer Zeit in Buchara durften wir unseren 42. Hochzeitstag feiern. 42 Jahre Ehe – eine Zahl, die uns selbst manchmal erstaunt. Wenn wir zurückblicken, sehen wir unzählige gemeinsame Erlebnisse, Herausforderungen und Abenteuer. Und nun saßen wir an diesem besonderen Tag in einer der ältesten Stadt Zentralasiens, umgeben von Bauwerken, die teilweise älter sind als viele europäische Staaten. Hier gönnten uns ein schönes Abendessen. Zwischen den beleuchteten Kuppeln und Minaretten, begleitet von traditioneller Musik, wurde uns bewusst, wie privilegiert wir sind, solche Momente gemeinsam erleben zu dürfen. Einen passenderen Ort für diesen Hochzeitstag hätten wir uns kaum wünschen können.
Doch auch für etwas ganz profanes eignete sich die Stadt: Ich musste mir einen Zahnarzt suchen, der sich um meinen teilweise abgebrochenen Backenzahn kümmern sollte – aber auch das gelang, dank guter Tipps, extrem günstigen Taxis (yandex) und google-Translater. Vier Tage vergingen viel zu schnell. Dennoch hatten wir das Gefühl, die Stadt intensiv erlebt zu haben – vielleicht gerade deshalb, weil wir uns Zeit genommen haben. Statt Sehenswürdigkeiten abzuhaken, ließen wir uns treiben, beobachteten das Leben in den Gassen und genossen die besondere Atmosphäre.






