Im Grenzgebiet zum Iran, Irak und Syrien

Vom Van-See aus fahren wir weiter in Richtung Südosten, zur iranischen Grenze. Auf einer neu ausgebauten, vierspurigen Autobahn geht es auf perfektem Asphalt durch die Berge bis auf 2.300 Meter Höhe. Einen Zwischenstopp legen wir bei der Burg Hoşap Kalesi ein, die eindrucksvoll auf einem Felsvorsprung thront. Sie wurde 1643 von einem kurdischen Fürsten erbaut. Leider ist sie momentan wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, sodass wir sie nur von außen bewundern können. Entlang der iranischen Grenze folgen wir anschließend einer Nebenstraße zu einer historischen Brücke. Hier finden wir einen wunderschönen Übernachtungsplatz und verbringen die Nacht in völliger Ruhe – genau so, wie wir es lieben.

Weiter geht es durch enge Täler, die von schroffen, steil aufragenden Felswänden eingerahmt werden. Immer wieder folgen wir der iranischen Grenze und staunen über die wilde Berglandschaft. In Hakkâri, einer alten Stadt mitten in den Bergen, finden wir schließlich einen Übernachtungsplatz. Ein Campingplatz lässt uns auf sein Gelände, obwohl er eigentlich schon geschlossen hat. Mehr als einen Stellplatz brauchen wir ja nicht. In dieser abgelegenen Grenzregion sind geeignete Übernachtungsplätze nicht leicht zu finden. Umso dankbarer sind wir für die unkomplizierte Gastfreundschaft. Daraus entwickelt sich ein netter Austausch mit unseren Nachbarn. Besonders Renate verbringt eine schöne Zeit mit zwei kurdischen Frauen. Solche Begegnungen sind für uns immer wieder das Salz in der Suppe unserer Reise. Anschließend geht es weiter entlang der irakischen Grenze. Die D400 verläuft hier streckenweise direkt am Grenzfluss entlang. Die schroffe Berglandschaft begeistert uns immer wieder aufs Neue. Gleichzeitig muss unser Kermit zeigen, was seine Kühlung draufhat: Heute bewältigen wir zunächst einen steilen Anstieg mit rund 1.000 Höhenmetern hinauf auf über 2.000 Meter – und anschließend geht es natürlich auch wieder hinunter. Das ist Schwerstarbeit für unser altes Wohnmobil! Die meisten Polizeikontrollstellen entlang der Strecke sind unbesetzt. Ob das tatsächlich auf entspannte Beziehungen zwischen den beiden Ländern schließen lässt, können wir natürlich nicht beurteilen. Jedenfalls kommen wir ohne größere Verzögerungen voran.

Schließlich erreichen wir Cizre, eine Stadt am Tigris im Dreiländereck zwischen der Türkei, dem Irak und Syrien. Es wird höchste Zeit zum Tanken. Nachdem wir an der Zapfsäule um mehr als 300 Euro erleichtert worden sind – der Liter Diesel kostet rund 1,60 Euro –, werden wir vom Tankstellenbesitzer noch auf einen Tee eingeladen. Eine schöne türkische beziehungsweise kurdische Gastfreundschaft! Im Gespräch macht er deutlich, dass er Kurde und kein Türke sei. Immer wieder weisen uns unsere Gesprächspartner auf diesen aus ihrer Sicht wichtigen Unterschied hin. Die kurdische Identität spielt hier eine große Rolle, und wir merken schnell, dass es sich um ein Thema handelt, das die Menschen sehr bewegt. Cizre selbst ist keine besonders hübsche Stadt. Immerhin finden wir ein Restaurant, in dem wir ein typisches kurdisches Gericht genießen können. Danach geht es weiter, diesmal direkt an der syrischen Grenze entlang. Auf der D400 fahren wir rund 100 Kilometer fast ausschließlich geradeaus. Die Landschaft wechselt, doch die Straße scheint kein Ende zu nehmen. Der Höhepunkt des Tages ist der Besuch der geheimnisvollen Felsenstadt Dara, auch Anastasiupolis genannt. Wir bestaunen gewaltige unterirdische Wasserzisternen, in den Fels gehauene Gräber und die Überreste einer einst mächtigen byzantinischen Grenzfestung. Um das Jahr 500 ließ der oströmische Kaiser Anastasius hier eine befestigte Garnisonsstadt errichten. Aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage nahe der persischen Grenze war Dara ein wichtiger militärischer Stützpunkt. Heute befindet sich an dieser Stelle ein kleines Dorf, in dessen Umgebung die Überreste der antiken Stadt an verschiedenen Stellen zu entdecken sind. Es ist faszinierend, wie viel Geschichte sich hier zwischen den unscheinbaren Häusern und Felsformationen verbirgt.

Auf dem Weg nach Mardin legen wir noch einen Stopp beim Kloster Deyrulzafaran ein. Es zählt zu den bedeutendsten religiösen und kulturellen Zentren der syrisch-orthodoxen Christen im Nahen Osten. Über Jahrhunderte war es Sitz ihres Patriarchen und ein wichtiger Ort des christlichen Glaubens. Die Geschichte des Ortes reicht allerdings noch weiter zurück. Hier soll einst ein Sonnentempel gestanden haben, später errichteten die Römer eine Festung. Seit dem Jahr 793 wird die Anlage als Kloster genutzt – und das bis heute. Ab 1293 war Deyrulzafaran Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchen. Mehr als sechs Jahrhunderte lang blieb es ein bedeutendes geistliches Zentrum, bevor der Patriarchensitz 1932 nach Homs in Syrien verlegt wurde. Die historische Bedeutung des Klosters ist zweifellos beeindruckend. Umso mehr enttäuscht uns der kommerzielle Umgang mit den Besuchern. Schon für den Eintritt in das Kloster wird eine stattliche Gebühr verlangt. Im Museumsshop erwarten uns dann zahlreiche kitschige Produkte „Made in China“. Dazu kommen ein überteuerter Weinladen und ein Schmuckgeschäft, über dem Jesus in einem goldgerahmten Bild zu wachen scheint. Diese Mischung aus religiösem Ort und offensichtlicher Geschäftemacherei empfinden wir als ziemlich abstoßend. Schade, denn die Geschichte und die spirituelle Bedeutung des Klosters hätten eigentlich einen würdigeren Rahmen verdient.

In der folgenden Nacht zieht ein heftiges Gewitter über uns hinweg, und es regnet in Strömen. Zum Glück haben wir einen Stellplatz auf festem Untergrund gefunden, direkt im Schutz einer Mauer. Trotzdem liegen wir die halbe Nacht wach und lauschen dem prasselnden Regen. Bei unserem schweren Wohnmobil möchten wir schließlich nicht riskieren, am nächsten Morgen auf aufgeweichtem Boden festzusitzen. Am nächsten Tag klart es wieder etwas auf, und wir können die alte Stadt Mardin besuchen. Sie liegt spektakulär an einem steilen Berghang und bietet weite Ausblicke über die Ebene Mesopotamiens. Da heute der türkische Nationalfeiertag ist, herrscht in den Gassen besonders viel Betrieb. Besonders freuen wir uns über den Besuch der „Kirche der 40 Märtyrer“. Hier wird tatsächlich noch Gottesdienst gefeiert. Im Kirchenraum entdecken wir sogar ein Harmonium aus Deutschland – eine kleine Überraschung in dieser geschichtsträchtigen Region. Anschließend lassen wir uns durch die verwinkelten Gassen treiben, schlendern über den Vorplatz der Moschee und entdecken einen etwas versteckt liegenden, wunderschönen Markt. Hier decken wir uns mit Kaffee, Keksen und frischem Brot ein. Genau solche Märkte lieben wir: Sie gehören zum Alltag der Menschen und bieten uns einen kleinen Einblick in das Leben vor Ort. Auf unserem heutigen Stellplatz stehen wir ausnahmsweise einmal mit einigen anderen Wohnmobilen zusammen. Normalerweise suchen wir uns lieber einen einsamen Platz irgendwo auf einem Parkplatz, an einem Picknickplatz am Fluss oder auf einer Wiese. Doch bei dem anhaltend starken Regen ist uns ein etwas geschützterer und sicherer Standort diesmal lieber.

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