In den Bergen Ostanatoliens

Der kleine Grenzübergang zwischen Georgien und der Türkei liegt mitten in den Bergen und hält gleich eine echte Überraschung für uns bereit. Eine derart schlechte Straße haben wir in Georgien bisher nirgends erlebt: riesige Schlaglöcher, in denen selbst die großen Sattelschlepper immer wieder aufsetzen. Und das Ganze über sage und schreibe 17 Kilometer! Das Bild auf Google Maps sagt eigentlich schon alles. Dafür verläuft die Zollabfertigung ausgesprochen schnell und unkompliziert. Als wir auf der türkischen Seite die Grenzanlagen verlassen, trauen wir unseren Augen kaum: Vor uns liegt eine riesige, vierspurige Autobahn in bestem Zustand! Unseren ersten Stopp legen wir am wunderschönen Çıldır-See ein. Da das Wetter regnerisch ist, ziehen wir uns erst einmal in unseren „Wintergarten“ zurück und genießen die gemütliche Pause.

Unser erstes Ziel ist die Stadt Kars. Hier decken wir uns mit Bargeld ein, und ich versuche, eine türkische SIM-Karte zu kaufen. Das entpuppt sich allerdings als ausgesprochen schwieriges Unterfangen. Als Tourist möchte oder kann man mir keine Telefonkarte verkaufen – angeblich sei das mit ihrem System nicht möglich. Ich klappere bestimmt zehn verschiedene Telefonläden unterschiedlicher Anbieter ab, bis sich schließlich einer findet, der mir auf seinen eigenen Namen eine SIM-Karte verkauft. Allerdings zum dreifachen Preis! Das sind wir aus Zentralasien ganz anders gewohnt. Danach müssen wir uns erst einmal in einem kleinen, sehr netten Pide-Restaurant stärken. Umso erfreulicher ist die Begegnung mit Reiner und Sabine aus Süddeutschland. Im Gespräch stellt sich heraus, dass unser erstes selbst ausgebautes Reisefahrzeug „Willi“ sie so begeistert und inspiriert hat, dass sie sich ein ganz ähnliches Fahrzeug selbst gebaut haben. Natürlich dürfen wir uns ihre Version anschauen und staunen nicht schlecht über diese gelungene „Kopie“. Das ist wirklich ein Déjà-vu! Nach und nach treffen auf dem Platz noch weitere Reisefahrzeuge ein. So entwickelt sich ein gemütliches Beisammensein, bei dem es einiges zu erzählen gab.

Unser erstes wirkliches Highlight ist der Besuch der vergessenen Stadt Ani im armenischen Grenzgebiet. Im 10. und 11. Jahrhundert war Ani die Hauptstadt des armenischen Bagratiden-Königreichs. Dank ihrer Lage an einem Zweig der Seidenstraße entwickelte sie sich zu einem wohlhabenden Handelszentrum mit beeindruckenden Bauwerken und einer bedeutenden kulturellen Blüte. Heute sind davon nur noch Ruinen übrig. Mongoleneinfälle, ein schweres Erdbeben im Jahr 1319 und die Verlagerung der Handelswege ließen die Stadt zunehmend an Bedeutung verlieren. Spätestens im 18. Jahrhundert war sie weitgehend verlassen. Die Moschee ist eines der wenigen Bauwerke, die heute noch einen vergleichsweise gepflegten Eindruck machen. Besonders beeindruckt uns die Lage: Ani liegt auf einem Hochplateau, das von tief eingeschnittenen Flusstälern begrenzt wird. Die Landschaft ist ebenso spektakulär wie die geschichtsträchtigen Ruinen. Man kann sich gut vorstellen, welche Bedeutung dieser Ort einst hatte. Für den Besuch haben wir uns mit anderen Reisenden zusammengeschlossen. Es ist schön, sich kennenzulernen, Geschichten auszutauschen und von den unterschiedlichen Reiseplänen zu hören. Einige wollen von hier aus durch den Irak weiter auf die Arabische Halbinsel. Für uns geht es dagegen langsam weiter nach Süden.

Auf dem Weg zur möglichen Fundstelle der Arche Noah gönnen wir uns zwei Tage am Fuß des Ararat. Mit seinen beeindruckenden 5.137m beherrscht der Berg die gesamte Umgebung. Am ersten Tag versteckt sich der Gipfel noch hinter dichten Wolken, doch am zweiten Tag strahlt die Sonne von früh bis spät, und wir können den gewaltigen Berg in seiner ganzen Pracht bewundern. Passend zu unserem Reiseziel lesen wir bei unserer täglichen Bibellektüre natürlich auch die Geschichte von Noah und seiner Arche. Den sonnigen Tag nutzen wir außerdem wieder einmal für einen ausgiebigen „Service-Tag“. Es gibt immer etwas zu tun: Schrauben nachziehen, ein Positionslicht abdichten, Kekse backen, Wäsche umräumen und natürlich auch mal wieder grillen. Hier gibt es glücklicherweise keine freilaufenden Hunde, die stören würden.

Die sogenannte „Arche Noah Ausgrabungsstätte“ liegt etwa drei Kilometer von der iranischen Grenze entfernt auf rund 2.000 Metern Höhe. Geologen untersuchen hier eine auffällige Formation, deren Umrisse an ein Schiff erinnern. Mit einer Länge von etwa 157 Metern entspricht sie ungefähr den Maßen, die in der Bibel für die Arche Noah angegeben werden (1. Mose 6,14–16). Wir schauen uns die Stelle selbst an und kommen mit Andrew ins Gespräch, einem Geologen, der dort arbeitet. Er berichtet uns von weiteren Hinweisen, die aus seiner Sicht für die Arche-Hypothese sprechen. So sei die Konzentration organischen Materials im Inneren der schiffsförmigen Formation etwa dreimal so hoch wie in der Umgebung. Auch die biblische Ortsangabe, wonach die Arche auf einem der Berge des Ararat gelandet sei (1. Mose 8,4), passt zur Region. Wissenschaftlich belegt ist die Vermutung allerdings nicht. Die Deutung der Formation als Überreste der Arche Noah ist umstritten, und bislang gibt es keinen allgemein anerkannten archäologischen Nachweis dafür. Trotzdem ist es spannend, selbst an einem Ort zu stehen, um den sich so viele Geschichten, Untersuchungen und Hoffnungen ranken. Allein die Vorstellung, dass sich hier möglicherweise Spuren einer der bekanntesten Erzählungen der Bibel verbergen könnten, macht den Besuch zu einem besonderen Erlebnis. Am Abend finden wir einen wunderschönen Stellplatz mit freiem Blick ins Tal. Im Hintergrund erhebt sich noch einmal der gewaltige Ararat. Ein beeindruckender Abschluss für diese Etappe unserer Reise durch die Berge Ostanatoliens.

Jetzt geht es für uns immer weiter Richtung Süden entlang der Grenzen zu Iran, Irak und Syrien.

Freut euch auf den nächsten Beitrag!

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