Bevor ich unsere Reise weiter beschreibe möchte ich über die Kasachen schreiben, die uns begegnet sind. Wir fühlen uns in diesem Land sehr willkommen und erleben die Kasachen als sehr freundlich, aufgeschlossen und interessiert. Schon gleich nach unserer Ankunft hat uns ein Kasache in einen Telefonladen begleitet und uns beim Kaufen einer SIM unterstützt. Die meisten Kasachen sprechen eher Russisch als Englisch, daher ist die Kommunikation etwas herausfordernd aber mit Hand und Fuß und Freundlichkeit lässt sich vieles regeln. Immer wieder erleben wir es, daß ganz unvermutet jemand neben uns anhält und ein kleines Gespräch beginnt. In Aktöbe kam ein junges Pärchen ans Auto und drückte nach einem kurzen Gespräch ihre Tochter in Renates Arme um ein Foto zu machen. Wenig später kamen sie zurück und beschenkten uns mit einer kasachischen Schokolade. Am kommenden Tag verwickelten uns ein paar junge Männer an einer Autowaschanlage in ein Gespräch. Einer von uns zeigte mir wie die Anlage funktioniert und spendierte mir sogar einen Teil der Kosten für die Wäsche von Kermit. An einem Museum kamen wir mit der Leiterin, die sehr gut Englisch sprach, ins Gespräch. Sie besuchte uns am Abend dann noch mit ihrer ganzen Familie am Auto, da wir auf deren Parkplatz übernachten konnten. Es ist schön, in einem Land unterwegs zu sein, in dem man so willkommen ist.
Die Kehrseite der Medaille sind schwierige Polizeikontrollen an der Straße, die oft dazu genutzt werden, den Touristen ein Vergehen vorzuhalten oder sogar anzuhängen um dann ordentliche Bußen abzukassieren – natürlich ohne Quittung. Bisher haben wir nur von anderen Reisenden davon gehört und kamen bisher glücklicherweise noch nicht in eine solche Situation.
Nun machen wir uns auf den Weg von Aktöbe bis zur Usbekischen Grenze. Vor uns liegen 1800km !!! durch die Kasachische Steppe. Es ist sonnig und es weht ein starker Wind. Die Straße ist in einem sehr unterschiedlichen Zustand. Besonders gefährlich sind Passagen mit großen Schlaglöchern oder unvermuteten Bodenwellen. Ich habe mir angewöhnt, mich hinter einen Sattelschlepper zu hängen, um ihm mit sicherem Abstand zu folgen. Die LKW-Fahrer wissen oft besser wo schlechte Passage zu erwarten sind. Am Nachmittag biegen wir irgendwo ab und fahren auf einem Feldweg 1-2km von der Hauptstraße weg, sodass man uns nicht mehr sehen kann. Hier schlafen wir meist sehr gut in der Abgeschiedenheit. Mal besucht uns eine Kamel- oder Pferdeherde, mal piepst uns eine Art Murmeltier zu – meist bleiben wir aber völlig allein. Wir genießen diese wunderbaren Momente unendlicher Weite und Stille nach den langen Fahrten.
Eine besondere Abwechslung war für uns der Besuch von Aralsk. Wo früher Fischerboote im Hafen lagen und das Wasser bis an die Stadt reichte, breitet sich heute eine staubige Steppe aus. Das Meer ist verschwunden – und mit ihm ein großer Teil des früheren Lebens. Das Wasser wurde für einen exzessiven Baumwollanbau abgeleitet und verbraucht. Besonders surreal war der Anblick der rostenden Schiffe, die heute mitten im Sand stehen. Sie wirken wie Relikte aus einer anderen Zeit, zurückgelassen auf dem Grund eines verschwundenen Meeres. Der Ort erinnert uns an die Vorstellung einer verlassenen Westernstadt. Der Wind trägt feinen Salzstaub über die Ebene, und die Stille wirkt beinahe bedrückend. Trotz aller Tragik hat die Region eine besondere Atmosphäre. Durch den Kok-Aral-Damm kehrt zumindest im Norden langsam wieder Wasser zurück, und mit ihm etwas Hoffnung. Der Aralsee ist heute ein Symbol für eine der größten Umweltkatastrophen der Erde.
Einen weiteren Stopp legen wir nahe der Stadt Baikonur, einer russischen Enklave, ein. Hier befindet sich ein riesiges Testgelände der Russen für Interkontinentalraketen und ihr „Weltraumbahnhof“. Für uns ist der Zugang natürlich verboten aber ein paar Informationen werden für die Touristen angeboten.
Die nächsten Stopps haben mit der Kultur der Kasachen, die uns doch noch sehr fremd ist zu tun. Beeindruckt hat uns das Denkmal zu Ehren von Korkyt Ata: Er war eine legendäre Figur der Turkvölker (ca. 8.–9. Jahrhundert) und eine Mischung aus: Philosoph, Geschichtenerzähler, Schamane und vor allem Musiker. Er gilt als Erfinder der Kobyz, eines traditionellen Streichinstruments, das in der kasachischen Kultur bis heute eine große Rolle spielt. Korkyt suchte nach einem Weg, den Tod zu besiegen. Seine Antwort war die Musik. Solange er spielte, so die Legende, konnte der Tod ihn nicht erreichen. So erinnern die großen gebogenen Elemente an eine Kobyz. Durch den Wind der Steppe ertönt permanennt Musik, eine Art klagende, fast geisterhafte Melodie. Von der netten Begegnung mit der Museumsleiterin habe ich ja eingangs schon berichtet.
Wir besuchen ein paar alte Lehmstädte, eine religiöse Wallfahrtsstätte und zum Höhepunkt die Stadt Turkistan. Wir finden einen Parkplatz mitten in der Stadt vor den Toren des zentralen Parks rund um das Mausoleum von Khoja Ahmed Yasawi. Dieses Stadtviertel scheint einer Art modernen orientalischen Karawanserei zu gleichen: Alles sieht aus wie aus dem Ei gepellt, überall grosszügige Wasserspiele, breite Fussgängerbereiche und sehr fotogene moderne Architektur. Wir sind schwer beeindruckt. Der moderne Freizeit- und Hotelkomplex wirkt besonders abends spektakulär: Restaurants, Cafés,kleine Basare, eine Einkaufsmall, künstliche Wasserkanäle mit Booten und eine abendlichen Lichtershow. Das Mausoleum von Khoja Ahmed Yasawi, ein UNESCO-Weltkulturerbe, ist die Hauptattraktion von Turkestan. Der gewaltige Timuridenbau aus dem 14. Jahrhundert gilt als einer der wichtigsten islamischen Pilgerorte Zentralasiens. Khoja Ahmed Yasawi war einer der bedeutendsten islamischen Mystiker Zentralasiens und gilt als der wichtigste frühe Sufi der turksprachigen Welt. Er lebte im heutigen Kasachstan und beeinflusste über Jahrhunderte die religiöse Kultur der Steppe – von Kasachen über Usbeken bis zu Tataren und Anatolien. Besonders beeindruckt haben uns die Grundelemente seiner Lehre: Bescheidenheit, innere Spiritualität, Nächstenliebe, Verzicht auf Macht und Reichtum, und ein einfacherGlaube, der für die Nomaden verständlich war. Nach so viel „Steppe“ haben wir die zwei Tage in der Stadt sehr genossen.






