Irgendwie fühlte es sich sehr gut an, in Kasachstan angekommen zu sein. In der ersten grösseren Stadt Ganyushkino suchten wir uns einen Geldautomaten und tatsächlich: Das Abheben in Landeswährung funktionierte wieder mit unserer VISA-Karte. Gleich der erste junge Mann, den ich fragte, ob er Englisch kann bejahte das und führte uns freundlicherweise zum nächsten Telefonladen und half uns dabei, uns eine SIM-Karte zu besorgen (30GB für 1 Monat für 5.-€). Davon kann man bei uns nur träumen. Nun ging es raus aus der Stadt auf die Suche nach einem Stellplatz. Der war nicht schwer zu finden: raus in die Steppe und einen schönen Platz aussuchen! In der Nähe eines anderen niederländischen Ehepaares in unserem Alter fanden wir einen wunderschönen Platz. Jetzt hiess es: runterkommen, ausschlafen und auch innerlich ankommen. Dazu nahmen wir uns gleich zwei Tage Zeit. Besucht wurden wir nur von Kühen und einer Herde Wildpferde. Klarer Sonnenschein und niedere Themperaturen brachten den bisherigen Rekordertrag unserer Solarpanele.
Erstaunlicherweise regnete es viel und es gelang uns am nächsten Tag, nachdem der Boden abgetrocknet war, aus der Senke wieder auf die Straße zu kommen. Unser nächstes Ziel war Atyrau, eine grosse Stadt am Kaspischen Meer. Hier mündet der Fluss Ural ins Kaspische Meer. Der Ural bildet ja streckenweise die Grenze zwischen den Kontinenten Europa und Asien. Wir fanden einen verlockenden Schlafplatz an einem Fluss, der aber nur über eine matschige Piste erreichbar war. Bei unserer Ankunft war die Fahrspur gut abgetrocknet. Leider gewitterte es – entgegen der Wettervorhersage – die ganze Nacht. Am nächsten Morgen waren dort nur noch Pfützen und Matschlöcher zu sehen. Mit etwas Schwung, Untersetzung und der mittleren Sperre wühlten wir uns gerade so durch den Matsch auf die Straße. Das war echt knapp. Beinahe wären wir im größten Loch stecken geblieben. Da weiß man wieder warum man einen 4×4 hat – auch wenn man ihn manchmal nur für 100m braucht. Nächstes Mal schalte ich noch die Hecksperre zu und zur Not hätten wir noch den Reifendruck reduzieren können – aber man ist ja faul und versucht es erst einmal so.
Auf dem Weg zur Stadt treffen wir immer wieder auf Pferde- und Kuhherden, die die Straße kreuzen. Sogar eine Kamelherde zwingt uns zum anhalten und staunen. In Atyrau wird erst mal eingekauft und danach machen wir uns auf, einige der wenigen Sehenswürdigkeiten zu besuchen: die russisch-orthodoxe Kathedrale und die Hauptmoschee der Stadt. Was uns sehr positiv auffällt: Die Menschen begegnen uns unglaublich freundlich. Bei jedem Stopp steht gleich jemand an der Tür und fragt woher wir kommen, stellt sich uns seine Familie vor, bittet um ein gemeinsames Foto. Mal wird uns zugehupt oder gewunken. Es ist so schön, sich willkommen zu fühlen. Und das noch am 9. Mai, dem Feiertag, an dem der damalige Sieg der Sowjetunion über Nazideutschland gefeiert wird.
Jetzt geht es weiter nach Norden Richtung Aktöbe. Gut 600km liegen vor uns. Unser Navi zeigt hier an, daß wir unter dem Meeresspiegel unterwegs sind, kann das sein? Tatsächlich: Besonders der Westen des Landes, nahe dem Kaspischen Meer, befindet sich teilweise unter dem Meeresspiegel. Das Kaspische Meer selbst liegt schon bei etwa -28 Metern. Der tiefste Punkt ist die sogenannte Karagiye-Senke. Sie liegt etwa -132 Meter unter dem Meeresspiegel und gehört damit zu den tiefsten Punkten weltweit außerhalb von Ozeanen. Der Rest des Landes (vor allem im Osten und Süden) ist hingegen deutlich höher gelegen, mit Gebirgen wie dem Tien Shan. Aber dort kommen wir erst später hin. Auf der Strecke Richtung Norden nach Aktöbe kommen wir an vielen Salzseen vorbei. Sie sind Überreste alter Meere und gleichzeitig typische „Verdunstungsseen“. Das Klima hier ist wohl sehr trocken und heiß im Sommer. Wenn Regenwasser in diese Senken gelangt, sammelt es sich kurzzeitig aber verdunstet sehr schnell. Die gelösten Salze bleiben zurück. Mit jedem Verdunstungszyklus wird der See salziger, bis entweder ein Salzsee entsteht oder das Wasser komplett verschwindet und eine Salzpfanne zurückbleibt. An einer Solchen beziehen wir unseren nächsten Nachtplatz auf geteertem Untergrund! Unseren nächsten Platz finden wir an einer Lagune, an der regelmäßig Herden von Wildpferden zum Trinken kommen – um uns herum nur Weite soweit das Auge reicht und Ruhe – bis auf die Pferde und den Wind. Am nächsten Tag finden wir eine Quelle, an der wir unseren Wasservorrat auffüllen können. Auch hier wieder eine Begegnung mit einem netten Kasachen, der uns fragt, ob wir Hilfe brauchen. Über gut ausgebaute Strassen erreichen wir endlich Aktöbe
Aktöbe ist mit seinen 500.000 Einwohnern eine der größten Städte des Landes. Sie liegt nahe an der Grenze zu Russland und ist eine bedeutende Industriestadt mit Erdöl, Erdgas und Metallverarbeitung. Im Stadtbild erkannt man noch deutlich die sowjetische Architektur. In der Stadt mischen sich Kasachen, Russen und andere Ethnien. Wir parken hinter der St.-Nikolaus-Kathedrale, einer schönen Orthodoxen Kirche. Danach besuchen wir die Nur-Gasyr-Moschee, die größte der Stadt. Danach geht’s in die Einkaufs-Mall nach westlichem Standart. Hier wird auch gleich deutlich: ca. 70% der Kasachen sind Muslims, ca. 25% orthodoxe Christen. Beide Glaubensrichtungen werden aber eher locker/säkularer gelebt. Im „Park des ersten Präsidenten“ steht eine riesige Fahnenstange und am Abend findet dort eine Art Kirmes mit Autoscootern, Riesenrad und beleuchteten Wasserspielen statt. Nach zwei erstaunlich ruhigen Nächten brechen wir nun Richtung Südosten zum ehemaligen Aralsee auf.






