Mangistau

Unser mehrere 1000 km langer Weg führt uns über Aktöbe nach Süden, bevor wir noch einmal Richtung Osten in die Landschaft Mangistau abbiegen. Bevor wir Aktöbe erreichen, machen wir noch einen kurzen Halt in der Stadt „Chromtau“. Hier wird bereits seit der Sowjetzeit in großen Minen Chromit abgebaut. Eine der Minen können wir zumindest von außen besichtigen. Dann erreichen wir Aktöbe und gönnen uns erst einmal einen Tag Pause. Ich nutze die Gelegenheit und schlendere über den zentralen Markt. Danach geht es einige Tage lang weiter durch die endlose Steppe, bis wir schließlich Mangistau erreichen.

Dieser Landstrich liegt zwischen dem Kaspischen Meer, Turkmenistan und Usbekistan. Vor Millionen Jahren gab es hier ein urzeitliches Meer. Heute fahren wir über dessen ehemaligen Meeresboden – und was die Natur daraus gemacht hat, ist schlicht unglaublich.

„Abgefahren“ ist in diesen Tagen eine der am häufigsten verwendeten Beschreibungen. Es sieht tatsächlich aus wie auf dem Mond. Unser erstes Ziel ist der alte Salzsee „Tuzbair“. Die weiße Salzkruste leuchtet in der kargen Steppenlandschaft und bildet einen unglaublichen Kontrast zu den umliegenden Felsen. Wir suchen uns einen Stellplatz direkt an der Felskante. Kein Mensch weit und breit, kein Straßenlärm – nur wir und diese völlig unwirtliche Landschaft. Wir können uns kaum an ihr satt sehen. Und als die Sonne langsam untergeht, legt die Natur noch einmal ordentlich nach. Ein fantastischer Sonnenuntergang taucht die Landschaft in immer neue Farben. Besser kann ein Tag kaum enden.

Leider sind die Entfernungen zwischen den einzelnen Sehenswürdigkeiten enorm. Bis zum Berg Sherkala sind es 120 km. Er steht ziemlich isoliert mitten in der Steppe und wirkt dadurch noch beeindruckender. Eigentlich ist Sherkala gar kein klassischer „Berg“, sondern ein Erosionsrest – ein sogenannter Inselberg oder Zeugenberg. Die Gesteine stammen aus der Zeit, als diese Region noch vom Meer bedeckt war. Durch die Hebung des Landes und die anschließende Erosion wurden die weicheren Sedimente abgetragen, während die härteren Kalksteinschichten stehen blieben. Die Spitze erinnert an eine Jurte und der ganze Berg an einen liegenden Löwen – mit etwas Fantasie jedenfalls. Auch hier finden wir wieder einen einsamen Platz und können in aller Ruhe diese außergewöhnliche Landschaft auf uns wirken lassen. Am nächsten Morgen starten wir noch zu einer Umrundung auf leicht rustikalen Pisten. Das musste jetzt einfach auch mal sein. Sonst wird es unserem Kermit ja noch langweilig.

Unser nächstes Ziel sind die Tiramisu-Berge, die wir nach weiteren 280 km erreichen. Die geteerte und gut ausgebaute Straße führt durch die riesigen Ölfelder von Zhanaozen. Hier bestimmt das Erdöl die Landschaft. Überall Pumpen, Leitungen und Förderanlagen – mitten in der sonst so menschenleeren Steppe. Zhanaozen selbst ist erst durch die Ölgewinnung entstanden. 1959 begann man hier mit Erkundungsbohrungen, 1994 entstand schließlich eine ganze Stadt rund um die Ölindustrie. Von dort aus erreichen wir Kyzylkup, besser bekannt als die „Tiramisu-Berge“. Der Name passt erstaunlich gut. Die waagerecht übereinanderliegenden roten, orangefarbenen und weißen Gesteinsschichten sehen tatsächlich aus wie ein riesiges Stück Tiramisu. Auf dem Meeresboden lagerten sich vor vielen Millionen Jahren unterschiedliche Sedimente ab. Später wurde das Gebiet angehoben und Wind und Wasser begannen, die Landschaft langsam wieder abzutragen. Was übrig blieb, sind diese farbenprächtigen und bizarren Felsformationen. Die ausgehärtete Lehmpiste auf dem letzten Stück lädt allerdings nicht gerade zu ausgedehnten Fahrten in diesem Terrain ein. Also parken wir lieber in einiger Entfernung. Zu Fuß erwandern wir die Berge und versuchen, diese außergewöhnliche Landschaft irgendwie in unseren Erinnerungen abzuspeichern. Man möchte ständig noch ein Foto machen, weil man kaum glauben kann, dass so etwas tatsächlich mitten in Kasachstan existiert.

Nur wenige Kilometer entfernt erreichen wir am kommenden Tag die Aussichtsplattformen von Bozija. Und was wir hier zu sehen bekommen, toppt noch einmal alles bisher Dagewesene. Was heute wie eine trockene Mondlandschaft aussieht, war vor Millionen Jahren einmal Meeresboden. Meeresablagerungen bildeten die hellen Sedimentgesteine. Wind, Wasser und gewaltige Temperaturunterschiede haben diese Schichten über Jahrmillionen erodiert und dabei die heutigen bizarren Formen herausgearbeitet.

An der Abbruchkante gibt es unzählige Möglichkeiten, in aller Ruhe seinen Stellplatz zu beziehen. Wir suchen uns natürlich einen Platz mit Aussicht. Von hier oben öffnet sich ein gewaltiger Blick über die weißliche Ebene, aus der einzelne Bergmassive wie Inseln herausragen. Je nach Tageslicht verändert sich das Spiel von Licht und Schatten ständig. Mal wirken die Felsen fast weiß, dann wieder gelblich, rot oder grau. Die ganze Landschaft wirkt irgendwie unwirklich und fast schon apokalyptisch. Wir sitzen in unseren Campingstühlen und müssen eigentlich gar nichts weiter tun. Einfach nur schauen und über die vielfältige Schöpfung unseres großen Herrn staunen. Und dann kommt die Nacht. Weit und breit gibt es keine größeren Städte und damit auch kaum Lichtverschmutzung. Der Sternenhimmel ist unglaublich. So viele Sterne haben wir lange nicht mehr gesehen. Selbst die Milchstraße ist deutlich zu erkennen. Man sitzt da, schaut nach oben und denkt sich: Dafür hat sich die lange Anfahrt wirklich gelohnt.

Zum Abschluss besuchen wir noch die Untergrundmoschee von Beket Ata. Hier liegt Beket Myrzagululy (1750–1813), ein kasachischer religiöser Gelehrter, Sufi und als Heiliger verehrter Mann. Seine Grabstätte erreicht man über eine etwa 1,5 km lange Treppe, die fast bis ganz hinunter ins Tal führt. Schon der Weg dorthin ist beeindruckend und macht deutlich, warum dieser Ort für viele Kasachen eine so große religiöse Bedeutung hat.Nach diesem Besuch nehmen wir eine 130 km lange „Abkürzung“ auf einer Piste durch die Steppe Richtung Beyneu. Da es am kommenden Tag regnen soll – und die Piste dann wahrscheinlich unbefahrbar sein wird – machen wir uns gleich nach dem Besuch auf den Weg. Falls wir diese Abkürzung nicht nehmen, müssten wir etwa 500 km außen herum wieder zurückfahren. Das wollen wir uns ersparen. Die Piste ist extrem staubig. Der Boden besteht meist aus festgetrocknetem Lehm. Die Spurrinnen und Löcher lassen höchstens 30 km/h zu. Viel schneller möchte man hier aber auch gar nicht fahren. Unser Kermit schaukelt sich tapfer durch die Landschaft und wir brauchen für die 130 km tatsächlich 6,5 Stunden. ABER – wir haben es gut geschafft! Kurz vor der Hauptstraße finden wir noch einen schönen Platz in der Steppe und können erst einmal durchatmen. Nach dieser Ruckelei tut ein ruhiger Abend richtig gut.

Jetzt geht es nach Beyneu und von dort aus dann direkt 750 km an die russische Grenze. Hier gibt es wahrscheinlich nicht viel Neues zu sehen. Es ist mehr oder weniger derselbe Weg, den wir schon gekommen sind. Aber nach den fantastischen Tagen in Mangistau müssen wir wieder Kilometer machen. Da wir in Russland keine Internetverbindung haben werden, müsst ihr euch für den nächsten Beitrag allerdings etwas länger gedulden.

Also: Bis irgendwann aus Russland!

Beitrags-Ende

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