An Karfreitag wachen wir auf und trauen unseren Augen kaum: Draußen scheint die Sonne rot durch den Nebel – fast unheimlich schön. Über Nacht war Saharastaub über uns hinweggezogen und hatte den Himmel in ein mystisches Licht getaucht. Erst später fällt uns ein, dass sich laut Bibel an Karfreitag bei der Kreuzigung Jesu die Sonne verfinsterte. Gerade an diesem Tag wirkte dieser Morgen wie eine kleine, eindrucksvolle Erinnerung daran.
Wir machen uns auf den Weg nach Adana, wo wir einen Ruhetag einlegen und den berühmten Markt besuchen wollen. Nach langer Fahrt kommen wir an – und merken schnell, dass wir uns ausgerechnet das Wochenende des bekannten Orangenfests ausgesucht haben. Überall Polizei, abgesperrte Parks, volle Parkplätze. Ganz Adana scheint auf den Beinen zu sein. Nach längerer Suche finden wir schließlich in der Nähe der Autobahn einen Stellplatz neben einem Café. Als wir uns am Abend gerade eingerichtet haben, klopft es plötzlich an der Tür. Draußen stehen zwei Kellner mit Cola und zwei Stück Torte. Ein Kurde, der neben uns geparkt hatte und mit dem ich kurz geplaudert hatte, hatte sie geschickt – als Willkommensgruß. Sie würden später wiederkommen und das Geschirr abholen, erklären sie ganz selbstverständlich. Wir sitzen erst einmal sprachlos da. Solche Momente machen einen demütig. Und sie zeigen, wie groß Gastfreundschaft sein kann. Am nächsten Tag stehen wir – wie so oft – an einer Ampel neben einem LKW. Doch diesmal steigt der Fahrer aus, kommt zu uns herüber und drückt uns einfach zwei Flaschen Wasser in die Hand. Später zieht ein Gewitter über uns hinweg. Ein Schafhirte stellt sich bei uns unter und zieht unter seinem Poncho zwei Eier hervor, die er uns schenkt. Und nicht nur einmal durfte – oder musste – ich mit Parkwächtern Tee trinken. Die Gastfreundschaft hier ist unglaublich. Für uns nüchterne Deutsche fast schon beschämend. Da kann ich noch einiges lernen.
Weiter geht’s nach Gaziantep. Schon unterwegs fällt uns auf, dass in der Nähe der syrischen Grenze immer mehr Tanklaster unterwegs sind. Man beginnt automatisch zu überlegen, wohin all dieser Nachschub wohl unterwegs ist. Diesel kostet hier gerade einmal 1,34 Euro pro Liter – für unsere Verhältnisse fast schon ein kleines Wunder. In Gaziantep wollen wir Ostern feiern. Die Sonne scheint, perfektes Wetter für einen Streifzug durch die UNESCO-Gastronomiestadt. Eigentlich möchten wir zuerst die Burg im Stadtzentrum besichtigen, doch die ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Also geht es stattdessen ins Hamam-Museum. Das ist hervorragend gemacht und vermittelt einen spannenden Einblick in die orientalische Badekultur. Danach schlendern wir durch den traditionellen Bakırcılar Çarşısı. Der Basar ist bekannt für Kupferarbeiten, Gewürze, Souvenirs und lokales Handwerk. Auch der Elmacı Pazarı mit seinen Pistazien, Trockenfrüchten, Gewürzen und anderen Spezialitäten ist ein Erlebnis für sich. Überall riecht es nach Kaffee, gerösteten Nüssen und Gewürzen – man weiß irgendwann gar nicht mehr, wohin man zuerst schauen soll. Jetzt wird es Zeit für das Wichtigste: das Essen. Im ausgezeichneten Restaurant Yesemek probieren wir uns durch Vor- und Hauptspeisen: Beyran, diese kräftige Suppe, verschiedene Fleischbällchen in unterschiedlichsten Saucen, viel Joghurt und noch mehr Dinge, deren Namen wir uns leider nicht merken konnten. Danach brauchen wir erst einmal eine Pause. Unseren Kermit konnten wir erstaunlich problemlos mitten in der Stadt parken. Die Suche nach einem Café gestaltete sich allerdings etwas komplizierter. Die alten Handelshöfe wirkten uns fast zu nobel, im völlig abgefahrenen und von Jugendlichen überfüllten „Kaleoglu Magarasi“ wurde unsere Bestellung einfach ignoriert – vielleicht waren wir nicht hip genug. Am Ende landen wir in einem Katmer-Restaurant und probieren dort diese wunderbare Spezialität: hauchdünner Blätterteig, gefüllt mit Pistazienpaste. Danach waren wir endgültig pappsatt. Mit vollem Bauch und vollerem Kopf versuchen wir später, im Lärm der Stadt zu schlafen – mit eher mäßigem Erfolg.
Jetzt waren wir reif für einen ruhigeren Ort. Den finden wir bei Rumkale, einer spektakulären Festung auf einer felsigen Halbinsel am Euphrat. Oben auf den Klippen entdecken wir einen sensationellen Stellplatz – so schön, dass wir direkt noch einen Tag bleiben. Der Blick auf den Fluss ist beeindruckend. Irgendwo hier, zwischen Euphrat und Tigris, berichtet die Bibel vom Ort des Paradieses. Mesopotamien, Südostanatolien, Irak, Syrien – in dieser Gegend begann einst eine der ältesten Kulturlandschaften der Welt. Viele frühe Hochkulturen entstanden genau hier. Allein dieser Gedanke macht die Landschaft noch eindrucksvoller. Zum Mittag gibt es schwäbische Maultaschen – man muss schließlich auch in der Nähe des Paradieses nicht auf Heimatküche verzichten. Am Nachmittag bekommen wir Besuch von einer Herde Schafe und Ziegen – inklusive eines ausgesprochen beeindruckenden Wachhundes, der sich bei uns sichtlich wohlfühlt. Als am Abend noch ein Gewitter mit anschließendem Regenbogen über den Euphrat zieht, wirkt alles fast schon kitschig schön. Aber manchmal darf die Welt eben auch ein bisschen übertreiben.
In Sanliurfa besuchen wir eines der größten Museen der Türkei: das Archäologie- und Mosaikmuseum. Zu den Highlights gehört die berühmte Urfa-Mann-Statue, die rund 11.000 Jahre alt ist und als älteste lebensgroße Menschenstatue der Welt gilt. Auch das Mosaikmuseum ist außergewöhnlich. Dort werden hervorragend erhaltene römische Mosaike aus dem antiken Edessa gezeigt, sogar eine Abbildung Jesu! Da es fast den ganzen Tag regnet, nehmen wir uns ausführlich Zeit dafür – und bereuen keine Minute. Als weiteren Höhepunkt besuchen wir die Höhle, in der Abraham der Legende nach geboren worden sein soll. Sie befindet sich hier in Sanliurfa und ist bis heute ein bedeutender religiöser Ort – besonders für Moslems. Den Tag lassen wir schließlich entspannt in einem kleinen Grillrestaurant nahe des traditionellen Basars ausklingen.
Ein Höhepunkt jagt den nächsten. Am folgenden Tag besuchen wir Göbekli Tepe – die älteste bekannte Kultstätte der Welt. Sie ist älter als Stonehenge und sogar älter als die ägyptischen Pyramiden. Besonders beeindruckend sind die riesigen T-förmigen Kalksteinpfeiler. Manche sind über fünf Meter hoch und mit Reliefs von Füchsen, Schlangen, Wildschweinen, Geiern oder Löwen verziert. Sie sind mehr als 11.000 Jahre alt. Dass die Anlage so gut erhalten blieb, liegt daran, dass sie irgendwann bewusst zugeschüttet wurde und erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt worden ist. Der Eintrittspreis war zwar horrend, aber dieser Ort war jeden Cent wert. Hier zu stehen, an einem Platz, an dem möglicherweise die ersten großen Rituale und Versammlungen der Menschheit stattfanden, war etwas ganz Besonderes.






