Da sich das sonnige Wetter bald verabschieden sollte, nahmen wir uns kurzerhand eine besonders schöne Bergstrecke vor: durch zwei spektakuläre Täler und über einen 2600 m hohen Pass im Hohen Atlas. Diese Region ist bekannt für ihre landschaftliche Vielfalt und gilt als eine der eindrucksvollsten Gebirgslandschaften Marokkos. Bevor wir jedoch loslegen konnten, war Vorräte auffüllen angesagt – und zwar solche, die man nicht in jedem Dorfmarkt findet. Gerade in den abgelegenen Bergregionen ist die Auswahl oft begrenzt. Ein Abstecher zum „Carrefour“, dem großen französischen Supermarkt, war also Pflicht. Dort gönnten wir uns ein paar Dosen Bier und sogar marokkanischen Rotwein – Genussmittel, die man unterwegs eher selten bekommt. Erst im Dunkeln erreichten wir den Campingplatz bei Tinghir mit Blick auf die ausgedehnten Palmenhaine der Oase, die hier seit Jahrhunderten das Leben der Menschen sichern. Extra für uns wurde die Dusche geputzt und das Warmwasser angeheizt – ein kleiner Luxus nach einem langen Fahrtag. Bei einem Minztee, dem allgegenwärtigen Zeichen marokkanischer Gastfreundschaft, erhielten wir noch ein paar hilfreiche Tipps zum Ort und zur Umgebung.
Früh am nächsten Morgen ging es los. Die Straße steigt sanft von Tinghir in das enge Tal des Oued Todra an, einem Fluss, der über Jahrtausende hinweg diese spektakuläre Schlucht geformt hat. Die ausgedehnten Palmenhaine der Oase bilden einen satten grünen Kontrast zur kargen Fels- und Wüstenlandschaft ringsum und zeigen, wie wichtig Wasser hier für das Überleben ist. Besonders bekannt ist der erste Abschnitt der Schlucht: steile Kalksteinwände, bis zu 300 m hoch, und eine Durchfahrtsbreite von stellenweise kaum 10 m – ein echtes Naturtheater und eines der bekanntesten Fotomotive des Landes. Normalerweise zieht dieser Ort Busladungen von Touristen an, doch am frühen Vormittag gehört die Schlucht fast uns allein. Der schmale Felsdurchbruch wirkt wie eine natürliche Pforte ins Atlas-Gebirge, das Nordafrika klimatisch und kulturell prägt. Die Straße ist schmal, aber gut zu fahren. Allmählich öffnen sich die massiven Felswände zu sanfteren Bergrücken und kleineren Tälern. Seit unserem letzten Besuch 2008 hat sich hier einiges getan: Ein großer Stausee samt neuer Straße wurde gebaut, um Wasser für Landwirtschaft und Bevölkerung zu sichern. Damals hatten wir uns mit unserem Knaus-Wohnmobil noch über ausgewaschene und teils weggespülte Wege gequält – abenteuerlich, anstrengend und sehr prägend.
Nach etwa 25 km erreichen wir das Berberdorf Tamtetoucht. Die Berber, oder Amazigh, sind die ursprünglichen Bewohner dieser Region und pflegen bis heute ihre eigene Sprache und Kultur. Neben der Landwirtschaft scheint hier inzwischen vor allem der Tourismus zu florieren; viele Familien haben ihre Häuser zu Gästehäusern umgebaut, um ein zusätzliches Einkommen zu erzielen. Bei unserer Ankunft läuft gerade ein lebhafter, wunderbar authentischer Wochenmarkt, wie er seit Generationen fester Bestandteil des Dorflebens ist. Es gibt alles, was man für den Alltag braucht – von Gemüse über Gewürze bis zu Werkzeug – und auch wir füllen unsere Vorräte auf. Weniger angenehm ist, dass wir ständig von bettelnden Kindern begleitet werden. Allein unsere Anwesenheit als Touristen scheint bei manchen die Erwartung nach Geschenken oder Geld auszulösen. Sogar ein erwachsener Mann bat mich nach kurzer Charmeoffensive um Bier. Wir haben uns angewöhnt, nichts grundlos zu verschenken. Gern helfen wir bei einer Gegenleistung – etwa beim Wegzeigen, Stellplatzfinden oder Ersatzteilebesorgen. Schließlich wird auch bei uns in Deutschland nichts einfach verschenkt. Ausnahmen machen wir natürlich, wenn jemand um Wasser oder Brot bittet. Gerade in dieser trockenen Region sind solche Dinge überlebenswichtig. Einem Kamelhirten auf der Weide helfen wir zum Beispiel immer gerne mit einer Flasche Wasser.
Nun geht es auf die Verbindungsstraße der beiden Täler hinauf in den Hohen Atlas, das höchste Gebirge Nordafrikas. Diese Route war früher eine raue Piste und ist erst seit wenigen Jahren ausgebaut, was die Region deutlich zugänglicher macht. Meter für Meter arbeiten wir uns auf über 2600 m Höhe. Typisch für diese Strecke sind die ständig wechselnden Farben und Gesteinsarten: heller Atlas-Sandstein geht über in dunklen Granit, was die geologische Vielfalt des Gebirges eindrucksvoll zeigt. Die inzwischen asphaltierte Straße ist problemlos für alle Fahrzeugtypen befahrbar. Auf der Passhöhe genießen wir bei strahlendem Sonnenschein eine ausgedehnte Kaffeepause mit grandiosem Blick ins Tal – ein Moment, in dem man die Weite und Stille der Berge besonders intensiv spürt.
Den Rückweg nehmen wir durch die Dades-Schlucht, teils direkt neben, teils im breiten Flussbett des gleichnamigen Flusses. Diese Schlucht ist berühmt für ihre dramatischen Felsformationen, tief eingeschnittenen Täler, rot-ockerfarbenen Gesteinspfeiler und den spektakulären Serpentinenpass, der oft auf Postkarten zu sehen ist. Die Straße wurde in die steilen Hänge gebaut und fordert Mensch und Maschine gleichermaßen. Manche Steigungen schaffen wir nur im ersten Gang. Nach diesem wirklich aufregenden Tag finden wir auf einem Plateau neben einer Palmenoase einen Stellplatz für die Nacht. Die Dattelpalmen rauschen leise im Wind, der Himmel färbt sich rot – was für ein Tag!






